Charles Gaño-Heinzl

Gender-Sensibilität im Wiener Gesundheitsverbund

Der Umgang mit sexueller Orientierung am Arbeitsplatz

Charles Gaño-Heinzl ist Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger an der Universitätsklinik für Augenheilkunde am AKH Wien. Er hat im Jahre 2020 zum Thema sexuelle Orientierung im klinischen Arbeitsumfeld eine Forschungsarbeit geschrieben. Dabei stand das Pflegepersonal im Mittelpunkt. Anhand einer Befragung von neun queeren Pflegepersonen von April bis Mai 2020 analysierte er die Erfahrungen von queeren Personen im Akutspital. Queer meint Personen, die nicht heterosexuell sind. Zentral war für ihn die Frage, welche Strategien die Gleichbehandlung von queeren Personen besonders fördern. Über seine wichtigsten Erkenntnisse berichtet er im Interview.

Was sind die zentralen Erkenntnisse, die Sie aus der Forschungsarbeit gewonnen haben?

Zuallererst: In Zukunft wünschen sich die Interview-Partner*innen mehr Sichtbarkeit von queeren Pflegepersonen an ihrem Arbeitsplatz. Das führt zu mehr Mut, sich selbst zu outen.
Die Ergebnisse zeigen außerdem, dass queere Pflegepersonen mehr Verständnis im Umgang mit queeren Patient*innen haben und diesen einen empathischeren Zugang entgegenbringen. Das Interesse an Diversitätsthemen im Team steigt, wenn geoutete Mitarbeiter*innen am Arbeitsplatz tätig sind. Sie sind als Ressource anzusehen, da sie häufig generell Expert*innen für sensible Themen sind. Sie setzen sich für viele heterosexuelle, aber auch nicht geoutete Personen als Ansprech- oder Vertrauensperson ein. Queere Pflegepersonen als Vorbilder im Unternehmen darzustellen, ist für die Interviewpersonen keine gute Strategie, da sie Kritik und Missgunst von den heterosexuellen Mitarbeiter*innen befürchten.

Welche Formen von Diskriminierung geben die Interview-Partner*innen an?

Die interviewten Pflegepersonen gaben mehrheitlich an, weder mit Diskriminierung noch Mobbing am Arbeitsplatz konfrontiert worden zu sein. Es gibt aber Erfahrungen mit leichten Diskriminierungsformen wie Tuscheln, Gerüchten oder Anspielungen. Hier vermeiden einige der Betroffenen die Konfrontation und wehren sich somit nicht dagegen. Ein möglicher Grund dafür könnte die Angst davor sein, selbst stigmatisiert zu werden. Die Interview-Partner*innen gehen zudem davon aus, dass Diskriminierungs- oder Mobbingerfahrungen zwar mit der Stationsleitung besprochen werden können, diese in Folge jedoch nicht weiter behandelt werden. Einige queere Pflegepersonen versuchen, ihre Kolleg*innen aufzuklären, um Unwahrheiten richtig zu stellen oder setzen sich für andere queere Kolleg*innen in den jeweiligen Situationen ein.

Was die Interviews auch zeigen: Stärkere Diskriminierung führt zu psychischen Belastungen, die das Arbeiten beeinträchtigen und in einigen Fällen letztendlich zu einem Arbeitsplatzwechsel führen. In zwei Fällen folgte sogar eine Kündigung durch die Arbeitnehmer*innen.

Was brauchen queere Pflegepersonen für mehr Gleichbehandlung?

Es braucht einen gesellschaftlichen Kulturwandel. Aber auch Gesetze könnten hier ansetzen.

Nach wie vor gibt es keinen gesetzlichen Schutz für queere Mitarbeiter*innen bei ihrer Arbeit mit Kund*innen, bei uns Patient*innen. Wünschenswert wäre ein umfassender gesetzlicher Diskriminierungsschutz wie es ihn zum Beispiel schon bei der Herkunft oder dem Geschlecht gibt.

Welche Anlaufstellen für Fragen, Anliegen und Austauschmöglichkeiten gibt es innerhalb des Wiener Gesundheitsverbundes und der Stadt Wien?

AKH-Regenbogengruppe

Nächster Stammtisch für queere WIGEV-Mitarbeiter*innen im Juni 2023

Wiener Antidiskriminierungsstelle für LGBTIQ-Angelegenheiten (WASt)

Stelle zur Bekämpfung von Diskriminierungen beim unabhängigen Bedienstetenschutzbeauftragten

Männergesundheitszentrum, MEN, Männer, Väter, Burschen

Psychologische Beratungsstelle Wiener Gesundheitsverbund